Lieber Herr Rektor Fischer, liebe Angehörige der Universität Zürich, liebe Interessierte.
Seit dem weltweiten Aktionstag am Dienstag, den 17.11.2009 halten wir den Hörsaal KOH-B-10 im
Hauptgebäude der Uni besetzt. Mit dieser Aktion wollen wir die längst überfällige Diskussion um
die gesellschaftliche Rolle der Bildung, die Privatisierung der Universitäten und die immer schärfe-
re soziale Selektion beim Zugang zur Hochschulbildung in Gang bringen. In Kürze werden wir ein
umfangreiches Positionspapier veröffentlichen, um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen.
Gestern Montag hat Rektor Fischer an unserem Plenum mit ca. 400 Personen teilgenommen. Wir
führten unsere am Freitag begonnene Diskussion fort. Insbesondere drückten wir unseren Unmut
über den geplanten Bildungsabbau, die schikanösen Studienbedingungen und die schleichende Pri-
vatisierung der Universitäten aus. Wir baten Herrn Fischer, sich für diese studentischen Anliegen
einzusetzen. Herr Fischer indessen entgegnete auf praktisch alle Kritikpunkte und Argumente ledig-
lich, er könne bei den angesprochenen Problemen nichts unternehmen, da sie nicht in seine Zustän-
digkeit fielen. Gewiss ist Herr Fischer nicht in der Position, die Dinge einfach so zum Besseren zu
wenden. Wir meinen aber, sein Posten verleihe seinem Wort in bildungspolitischen Debatten ein
sehr grosses Gewicht. Wenn er sich beispielsweise prominent gegen den geplanten Bildungsabbau
äussern würde, bliebe eine Wirkung bestimmt nicht aus. Wenn er also jede Verantwortung von sich
weist, signalisiert er damit deutlich, dass er gar nicht bereit ist, uns bei unseren Anliegen in irgend-
einer Form zu unterstützen. Damit verpasst er die Chance, sich für eine Bewegung einzusetzen, die
sich dafür engagiert, dem gesellschaftlichen Auftrag an die Bildung Rechnung zu tragen und die
Hochschulbildung vor dem Zugriff von ökonomischen Partikularinteressen zu schützen. Selbstver-
ständlich hat Herr Fischer noch immer die Möglichkeit, diese Chance und damit seine bildungspoli-
tische Verantwortung wahrzunehmen. Wir schlagen daher vor, dass Herr Fischer gemeinsam mit
uns einen offenen Brief an den Kantonsrat unterzeichnet, in dem wir uns gegen das geplante Spar-
paket einsetzen. Zusätzlich wäre es möglich, dass Herr Fischer uns bei einem Gespräch mit den
Umsetzungsverantwortlichen für die Bolognareform in allen Fakultäten unterstützt. Bei denjenigen
Fragen, die klar nicht in der Kompetenz des Rektors sind, könnte er dank seiner einflussreichen Po-
sition bestimmt Gespräche mit den verantwortlichen Personen vermitteln, beispielsweise mit der
Bildungsdirektorin Regine Aeppli oder mit der Vorsteherin der kantonalen Finanzdirektion, Ursula
Gut.
Auf jeden Fall aber ist der Sache in keiner Weise gedient, wenn wir auf das rein logistische Angebot
des Rektors eingehen und den kleinen, barackenähnlichen Raum abseits allen politischen Gesche-
hens beziehen. Unser Problem ist nicht in erster Linie, dass wir nicht genügend Raum haben, um
über unsere Anliegen zu diskutieren. Unser Problem ist, dass wir die unabhängige und kritische
Lehre und Forschung in Gefahr sehen und eine immer weiter sich verschärfende Elitarisierung der
Hochschulen befürchten. Diese Probleme müssen dringend auf breiter akademischer und gesell-
schaftlicher Basis diskutiert werden. In dem kleinen Räumlein, das Herr Fischer uns anbietet, kön-
nen wir dazu nichts beitragen.
Selbstverständlich sind wir in einer längerfristigen Perspektive durchaus an einem Raum interes-
siert, der durchgängig für studentische Initiativen zur Verfügung steht. Ein solcher Raum müsste
aber für Plenumsdiskussionen geeignet sein und daher mehr Platz bieten als der vorgeschlagene
Raum. Wir geben zu bedenken, dass an unseren Plena bisweilen mehrere hundert Personen teilneh-
men. Wenn nun aber diese Kampagne allein auf der logistischen Ebene verhandelt wird, droht ihr
politischer Gehalt marginalisiert zu werden. Daher muss zuerst eine politische und inhaltliche Zu-
sammenarbeit im obigen Sinne diskutiert werden, bevor wir auf Raumangebote eingehen können.
Wir freuen uns auf eine fruchtbare Weiterführung der Diskussionen.
Freundliche Grüsse
Unsereuni