Offener Brief an Rektor Fischer

Filed under: Weitere,Zürich — Schlagwörter: — Zuerich @ 24. November 2009

 

Lieber Herr Rektor Fischer, liebe Angehörige der Universität Zürich, liebe Interessierte. 

 

Seit dem weltweiten Aktionstag am Dienstag, den 17.11.2009 halten wir den Hörsaal KOH-B-10 im 

Hauptgebäude der Uni besetzt. Mit dieser Aktion wollen wir die längst überfällige Diskussion um 

die gesellschaftliche Rolle der Bildung, die Privatisierung der Universitäten und die immer schärfe- 

re soziale Selektion beim Zugang zur Hochschulbildung in Gang bringen. In Kürze werden wir ein 

umfangreiches Positionspapier veröffentlichen, um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen.  

Gestern Montag hat Rektor Fischer an unserem Plenum mit ca. 400 Personen teilgenommen. Wir 

führten unsere am Freitag begonnene Diskussion fort. Insbesondere drückten wir unseren Unmut 

über den geplanten Bildungsabbau, die schikanösen Studienbedingungen und die schleichende Pri- 

vatisierung der Universitäten aus. Wir baten Herrn Fischer, sich für diese studentischen Anliegen 

einzusetzen. Herr Fischer indessen entgegnete auf praktisch alle Kritikpunkte und Argumente ledig- 

lich, er könne bei den angesprochenen Problemen nichts unternehmen, da sie nicht in seine Zustän- 

digkeit fielen. Gewiss ist Herr Fischer nicht in der Position, die Dinge einfach so zum Besseren zu 

wenden. Wir meinen aber, sein Posten verleihe seinem Wort in bildungspolitischen Debatten ein 

sehr grosses Gewicht. Wenn er sich beispielsweise prominent gegen den geplanten Bildungsabbau 

äussern würde, bliebe eine Wirkung bestimmt nicht aus. Wenn er also jede Verantwortung von sich 

weist, signalisiert er damit deutlich, dass er gar nicht bereit ist, uns bei unseren Anliegen in irgend- 

einer Form zu unterstützen. Damit verpasst er die Chance, sich für eine Bewegung einzusetzen, die 

sich dafür engagiert, dem gesellschaftlichen Auftrag an die Bildung Rechnung zu tragen und die 

Hochschulbildung vor dem Zugriff von ökonomischen Partikularinteressen zu schützen. Selbstver- 

ständlich hat Herr Fischer noch immer die Möglichkeit, diese Chance und damit seine bildungspoli- 

tische Verantwortung wahrzunehmen. Wir schlagen daher vor, dass Herr Fischer gemeinsam mit 

 

uns einen offenen Brief an den Kantonsrat unterzeichnet, in dem wir uns gegen das geplante Spar- 

paket einsetzen. Zusätzlich wäre es möglich, dass Herr Fischer uns bei einem Gespräch mit den 

Umsetzungsverantwortlichen für die Bolognareform in allen Fakultäten unterstützt. Bei denjenigen 

Fragen, die klar nicht in der Kompetenz des Rektors sind, könnte er dank seiner einflussreichen Po- 

sition bestimmt Gespräche mit den verantwortlichen Personen vermitteln, beispielsweise mit der 

Bildungsdirektorin Regine Aeppli oder mit der Vorsteherin der kantonalen Finanzdirektion, Ursula 

Gut. 

Auf jeden Fall aber ist der Sache in keiner Weise gedient, wenn wir auf das rein logistische Angebot 

des Rektors eingehen und den kleinen, barackenähnlichen Raum abseits allen politischen Gesche- 

hens beziehen. Unser Problem ist nicht in erster Linie, dass wir nicht genügend Raum haben, um 

über unsere Anliegen zu diskutieren. Unser Problem ist, dass wir die unabhängige und kritische 

Lehre und Forschung in Gefahr sehen und eine immer weiter sich verschärfende Elitarisierung der 

Hochschulen befürchten. Diese Probleme müssen dringend auf breiter akademischer und gesell- 

schaftlicher Basis diskutiert werden. In dem kleinen Räumlein, das Herr Fischer uns anbietet, kön- 

nen wir dazu nichts beitragen. 

Selbstverständlich sind wir in einer längerfristigen Perspektive durchaus an einem Raum interes- 

siert, der durchgängig für studentische Initiativen zur Verfügung steht. Ein solcher Raum müsste 

aber für Plenumsdiskussionen geeignet sein und daher mehr Platz bieten als der vorgeschlagene 

Raum. Wir geben zu bedenken, dass an unseren Plena bisweilen mehrere hundert Personen teilneh- 

men. Wenn nun aber diese Kampagne allein auf der logistischen Ebene verhandelt wird, droht ihr 

politischer Gehalt marginalisiert zu werden. Daher muss zuerst eine politische und inhaltliche Zu- 

sammenarbeit im obigen Sinne diskutiert werden, bevor wir auf Raumangebote eingehen können.  

Wir freuen uns auf eine fruchtbare Weiterführung der Diskussionen. 

 

Freundliche Grüsse 

Unsereuni 

7 Kommentare »

  1. Findi guet.

    Aber noch besser wäre, wenn Ihr nicht nur Rektor Fischer auffordert, einen Brief zuhanden des Kantonsrats zu unterzeichnen, sondern auch alle, auf die er gestern die Verantwortung abgeschoben hat. Und alle, die Solidaritätsbekundungen und andere unterstützende Erklärungen abgegeben haben.

    Comment by Christian — 24. November 2009 @ 21:30

  2. [...] nicht auf Fischers Angebot eingegangen und hält die Besetzung weiterhin aufrecht. Siehe hierzu der offene Brief an Rektor Fischer. Viel Durchhaltekraft euch allen! Wie gefällt dir dieser Artikel? (No Ratings Yet)  Loading [...]

    Pingback by Sind die Würfel bereits gefallen? — Monsieur Croche — 24. November 2009 @ 23:48

  3. Angriff in den Rücken oder so: http://www.fvoec.ch/cms/images/stories/offener_Brief_des_fvoec.pdf

    Comment by Monsieur Croche — 25. November 2009 @ 01:11

  4. a propos angriff in den rücken, der fvoec vertritt einfach die anliegen der mehrheit der studierenden:
    Im uniboard haben sich 326 zu 41 studenten für die sofortige Auflösung der Besetzung ausgesprochen. Dies entspricht 88.83 % und ist ein Faktum. Dies ist eine klare Stellungnahme ohne irgendwelche schludrige Argumentation. Danke fürs publizieren (wenn ihr es denn tut).
    es sind fast 88% die die Zeit nicht investieren möchten zum diskutieren, ich möchte diese Zeit auch besser nutzen. Ich denke es ist repräsentativ aber ihr könnt gerne mal eine repräsentative umfrage unter den 25’000 studierenden starten. Der ausgang lässt sich statistisch abschätzen. Die Diskussionen waren mehrheitlich inhaltslos und zeitraubend, weil kräftige Argumente fehlen und hauptsächlich auf politische ideologien bezug genommen wird.

    Comment by O. Lahrsen — 25. November 2009 @ 06:03

  5. Nein, das ist kein Angriff in den Rücken. Das ist eine Forderung, die – auf einer anderen Ebene freilich – genauso legitim ist, wie jene der Besetzerinnen und Besetzer. Man kann nicht erwarten, dass alle der gleichen Meinung sind. Das Ziel muss sein, zwischen den Positionen zu vermitteln und möglichst bald eine Lösung zu finden, die den verschiedenen Bedürfnissen gerecht wird. Möglicherweise ist Bologna aber nicht das geeignete System, um allen gerecht zu werden.

    Comment by Balthasar — 25. November 2009 @ 09:20

  6. Nachdem ich den Protest und die damit einhergehende Medienkampagne mit Interesse verfolgt und die Aktionen und Plena entweder selber besucht oder zumindest mit Kommilitoninnen und KOmmilitonen diskutiert habe, eröffnet sich mir dieser Brief als unselige, aber logische Konsequenz der Entwicklung der vergangenen acht Tage.

    Zum ersten einige Punkte zu dem Brief:
    Zunächst erstaunt es doch sehr, dass die Verfasser es nicht als nötig erachtet haben, sich an die grundlegenden Formalia eines anständigen Briefes zu halten. “Lieber Rektor” steht da. Ich kann durchaus verstehen, dass man sich aufgrund der ideologischen Perspektive nicht zu einem “Magnifizenz” durchringen wollte, was auch seltsam gewesen wäre, aber ein “Sehr geehrter” wäre wohl dringelegen. Das führt mich zu einem weiteren Punkt: Ist die Respektlosigkeit vor dem Rektor wohl programmatisch, so verwundert doch umsomehr, dass dieser zur Unterschrift einer gemeinsamen Erklärung aufgefordert wird, trotzdessen, dass man ihm offensichtlich alle Sachkompetenz und den Willen abspricht, sich für die betroffenen Studenten einzusetzen. Wird hier versucht, von der Hand gefüttert zu werden, die man beissen möchte?

    Die andere Entwicklung, die ich zwar aufgrund ihrer Vorhersehbarkeit nicht mit Sorge, aber Irritation wahrgenommen habe, war die Kaperung der Besetzung durch Gruppen wie dem RAZ und mindestens noch der RJZ.
    Ich hatte mir den Beginn der Aktion ziemlich genau angeschaut und hatte mich wenig über die Anwesenheit von VertreterInnen der revolutionären Avantgarde von RJZ und RAZ gewundert. Was mich dann aber im Verlauf der letzten Woche wirklich frappiert hat, war, dass die Veranstaltungen von diesen Vertretern gekapert oder zumindest in diese ideologische Richtung “geschubst” wurde. Hierzu noch eine strategische Überlegung: Glauben die Besetzer, dass sie eine legitime Vertretung der Studenten der Universität Zürich darstellen können, wenn die von ihnen organisierten Veranstaltungen zweifelsfrei im linken politischen Spektrum verortbar sind? Wäre hier nicht eher ideologische Parität oder gar Neutralität angezeigt gewesen?
    Das führt mich zu einem letzten Gedanken: Legitimität und Agenda.
    So sehr Gentrifizierung von Stadtgebieten und die Kriegsmaterialpolitik von tagespolitischem Interesse sein mögen, so wenig haben sie mit Bildungspolitik zu tun. Wo war der Vortrag über die Entwicklung des Bolognasystems? Wo war der Erfahrungsaustausch und v.a.: Wo waren die Betroffenen, die aufgrund der laut kritisierten Präsenzpflicht nicht arbeiten konnten, von der Teilnahme an NGOs und dergleichen abgehalten wurden?

    Diese Punkte sind meineserachtens Ausdruck des grössten Problems dieser Besetzung: Sie sind die Karikatur eines Protests, durchgeführt von Wenigen, die wenig Betroffen sind (oder hat der Reclamverlag plötzlich Mehrheitsanteile am Deutschen Institut?), die wenig Ahnung von den tatsächlichen (bildungs-)politischen Strukturen des Kantons und insbesondere der funktionsweise der Universität Zürich haben.

    Hätten sich die Hauptorganisatoren vorgehend vorbereitet und hätten sie sich wirklich mal mit den Kollegen Marx, Lenin, Bakunin und MArighella auseinandergesetzt, dann wüssten sie, dass eine als legitim erachtete Avantgarde automatisch auf den Rückhalt der Massen stösst. Dazu sind sie wohl aber aufgrund der exorbitanten oekonomischen Zwänge ihres Tagesablaufs und der unfairen Präsenzpflicht nicht gekommen.

    Gian-Luca, cand.phil.hist.

    Comment by Gian-Luca — 25. November 2009 @ 12:52

  7. wo steht denn das bei marx, lenin, bakunin? zufällig habe ich die im gegensatz zu dir gelesen und das steht da nicht drin. desweiteren ist es vollkommen logisch das proteste von links infiltriert werden oder hast du dir erwartet dass ein paar jungsvpler vorbeikommen und die protest-forderungen diskutieren? grüsse an den elfenbeinturm…

    dr. phil. hist. rer. soz. psych. dr. dr. med. dr. dr. gian-franco sauwichtig

    Comment by einer, der mal noch gegen studiengebühren demonstrierte — 1. Dezember 2009 @ 12:11

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL

Hinterlasse einen Kommentar